Unglaublich, wie unterschiedlich Haiti und die Dominikanische Republik sind, obwohl sie beide nebeneinander auf der Insel Hispaniola liegen. Auch vor dem Erdbeben hatten sie so gar nichts gemein: In Haiti sprechen die Menschen Französisch und Kreolisch, in der Dominikanischen Republik Spanisch. In Haiti sind die afrikanischen Wurzeln aus der Zeit der Sklaverei allgegenwärtig – zum Beispiel in der Voodoo-Tradition und in den Gesichtszügen der Menschen, während die Dominikanische Republik deutlich von der spanischen Kolonialzeit geprägt ist. Die Schwesterstaaten unterscheiden sich auch in Bezug auf politische Stabilität, Erziehung und Lebensstandard.
So war die Beziehung der beiden Staaten traditionell durch Abneigung geprägt – bis zum Erdbeben im Januar, als alles, was bis dahin galt, seine Bedeutung verlor. Augenblicklich öffnete die Dominikanische Republik ihre Flughäfen und Grenzübergänge für humanitäre Hilfe. Gleich am Tag nach der Katastrophe schickte die Regierung Transporter mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten sowie mobile Kliniken auf den Weg. In der Grenzstadt Jimaní wurden Erste-Hilfe-Stationen aufgebaut und die dortigen Krankenhäuser trafen alle Vorbereitungen, um möglichst viele Patienten aus Haiti aufnehmen zu können.
Auch die SOS-Kinderdörfer in der Dominikanischen Republik waren vom ersten Tag an im Einsatz, um Autos, Lebensmittel und, wenn nötig, Flüge, zu organisieren. Und um unbegleitete Kinder aus Haiti vorübergehend aufzunehmen! Bei einem Besuch der Dominikanischen Republik habe ich 16 Kinder getroffen, die nach dem Erdbeben vorübergehend ins SOS-Kinderdorf Los Jardines gekommen waren. Alle 16 saßen zusammen auf einem überdachten Platz und lernten Spanisch. Es schien ihnen gut zu gehen, ganz offenbar fühlten sie sich wohl. „Es gibt hier viele Schulen und Spielzeug für alle“, erzählte mir eines der Mädchen. Wir unterhielten uns eine Weile, bis eine Freundin kam und die beiden zusammen zum Spielplatz liefen. Dabei unterhielten sie sich auf Spanisch – ganz offensichtlich ging die Integration schnell!
Dennoch werden die Kinder möglichst bald wieder nach Haiti kommen, wo ihre Familiensituation genau geprüft wird. Im Idealfall leben noch Verwandte, bei denen die Kinder aufwachsen können. Wenn nicht, dann werden sie dauerhaft ein neues Zuhause in einem SOS-Kinderdorf in Haiti bekommen – in dem Land, in dem sie groß geworden sind, in dem sie ihre Wurzeln haben. Ich finde das ganz wichtig, und es ist einer der Grundsätze der SOS-Kinderdörfer, die Herkunft und die Kultur der Jungen und Mädchen zu respektieren.
Die Dominikanische Republik werden die Kinder später sicher in Erinnerung behalten – als den Nachbarn, der in der schlimmsten Zeit geholfen hat!



Ich lese Ihren bericht und es berührt mich, was ich hier lesen darf. Ganz anders, als ich es aus den Medien in Erinnerung habe. Vielen Dank!