Der Blick aus der Ferne

Ich konnte mich einige Tage in Cap Haitien aufhalten, das mehrere hundert Kilometer von Port au Prince entfernt liegt. Dort bemerkte ich etwas, das ich „zu Hause“ in Port au Prince gar nicht mehr sehe. Diese Entdeckung fühlte sich ein bisschen ähnlich an, wie das, was man erlebt, wenn man in den Urlaub fährt: Man betrachtet die Dinge mit etwas mehr Abstand.

Oben im Norden von Haiti, wo Cap Haitien liegt, müssen die Menschen seit dem 12. Januar nicht ständig mit den direkten Auswirkungen des Erdbebens kämpfen. Hier sieht man keine zerstörten Häuser und unzählige Zelte auf jedem noch so kleinen Stück Land. Und man lebt nicht mit dem ständigen Gefühl, viel zu dicht gedrängt auf einer zu kleinen Fläche zu sein. Vor allem aber sind hier viel weniger Kinder und Familien traumatisiert und zerstört.

Das Kinderdorf Cap Haitien hat zwar auch 40 Kinder aufgenommen, aber im Gegensatz zu den knapp 500 Kindern in Santo ist das wenig. Die SOS-Familien im Kinderdorf Cap Haitien konnten die Kinder relativ leicht integrieren, während wir hier in Santo inzwischen viele Kinder in Zelten unterbringen mussten. Es gibt ja in Santo nach wie vor keine stabile Wasser- und Stromversorgung und überall zwischen den Zelten liegen leere Wasserflaschen, über die schon des Gras wächst. Die Anforderungen an die SOS-Mitarbeiter sind einfach seit Monaten enorm und es gibt niemanden, der davon nicht inzwischen dicke Augenränder hätte. Ruhe und Entspannung liegen immer noch in weiter Ferne.

Trotzdem war es auch tröstlich, die Situation mit etwas Abstand zu betrachten.  In Cap Haitien, wo die Menschen nicht ständig mit der Beschaffung des Allernötigsten beschäftigt sind, gibt es Raum für Zukunftspläne und Hoffnung. Die SOS-Mitarbeiter dort sind extrem motiviert und engagiert und die Jugendlichen planen ihre eigenen Geschäftsideen für den Start ins Berufsleben. Es ist gut, sich daran zu erinnern, dass der tägliche Wahnsinn in Santo immer noch die Auswirkung der Katastrophe ist – und nicht die Normalität. Und es ist motivierend, zu wissen, dass nicht alle Kräfte in Haiti mit der Bewältigung des Erdbebens kämpfen. Im fernen Cap Haitien, das eigentlich gar nicht so weit weg ist, arbeiten Menschen an längerfristigen Träumen und Zielen für Haitis Zukunft.

Eine Antwort zu Der Blick aus der Ferne

  1. Hallo Frau Nielsen,

    ach, ich bin so froh, dass es wenigsten den Kindern in Cap Haitien gut geht.
    Mein Patenkind lebt dort. Leider kann ich dem Jungen noch nicht mal einen Brief schreiben, da der Postverkehr nicht funktioniert.

    M.f.G.
    Rosi G.

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