An meinem ersten Tag in Haiti bin ich mit einer Gruppe Sozialarbeiterinnen in ein Community Center gefahren, um Essen auszuteilen. Alle der rund 100 Kinder wirkten fröhlich und sangen ein Begrüßungslied. Ein Kind aber regte sich kaum und lag auf dem Schoß eines anderen. Ich ging zu den beiden hin und bemerkte, das Marevie viel, viel zu dünn war. Marevie ist ungefähr ein Jahr alt und wiegt 4 Kilo. Ich habe sie mir geschnappt, bin ins Auto gesprungen und ins Krankenhaus gefahren. Marevie hatte weder Kraft zu weinen, noch die Augen offen zu halten. Zwei lange Stunden hat es gedauert, bis die Ärzte eine Vene gefunden hatten, um den Tropf anzuschließen. Ich war am Ende mit meinen Nerven. Das Team was im Community Center geblieben war, hatte mittlerweile die Mutter gefunden und so holte ich sie ab und brachte sie ins Krankenhaus. Am nächsten Tag rief mich der Arzt an und sagte „Louis, das ist nicht ihre Mutter.“ Ich fuhr also erneut hin und es kam raus, dass sie wirklich nicht die Mutter war, sondern die Freundin des abgehauenen Vaters. Sie hatte Marevie nie gefüttert, weil sie der Meinung ist, es sei nicht ihr Kind und jemand anderes müsse sich um sie kümmern. Die richtige Mutter ist bei der Geburt gestorben und so ist Marevie bei der Freundin des Vaters aufgewachsen. Während die anderen Kinder der Freundin alle genug zu Essen bekamen, musste Marevie hungern. Ich war wütend. Noch immer kann ich nicht verstehen, wie eine Mutter es zulassen kann. allen Kindern außer einem Essen zu geben. In einer intakten Gemeinschaft würde so etwas nicht passieren, aber intakt war ja in Haiti auch vor dem Erdbeben schon vieles nicht, und ganz offensichtlich holen Elend und Verzweiflung das Schlimmste aus den Menschen hervor.
Marevie geht es nun schon ein wenig besser. Das wichtigste, sagen die Ärzte, sei jemand, der bei ihr ist und sich um sie kümmert. Da ich nicht immer da sein kann, kümmert sich ein 20jähriges Haitianisches Mädchen, eine Freundin eines Übersetzers. Ich habe Marevie mittlerweile in ein anderes Krankenhaus gebracht, wo sich Spezialisten ihres Falls angenommen haben. Ich erzählte dem Arzt, was mit Marevie passiert war. Seine Antwort: „Louis, das ist jetzt deine Tochter! Wenigstens so lange sie hier bei uns ist, stehst du als Vater auf dem Zettel, das bedeutet Verantwortung!“ Ich legte Marevie behutsam in die Hände des Amerikanischen Doktors und versicherte mich zum hundertsten Mal, dass das Central Hospital das Richtige für „meine Tochter“ ist. War ich am Anfang noch ziemlich nervös über Marevies unklare Zukunft, so bin ich jetzt voller Zuversicht, denn ich weiß, wenn es Marevie besser geht, dann kommt sie ins SOS-Kinderdorf in Santo. Ihre Familie dort freut sich schon auf sie, ich weiß, dass es ihr dort gut gehen wird und sie nie wieder vernachlässigt wird.
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Lieber Louis,
ein herzberührender Bericht!
Haben Sie von Marevie in der Zwischenzeit noch etwas gehört?
Herzliche Grüße aus Köln,
Susi