Dieser Text ist von Line Wolf Nielsen, die ab sofort das blog übernimmt. Die Autoreninformation folgt in Kürze.
Was würde ich tun, wenn ich diese Mutter wäre? Diese Frage stelle ich mir oft, wenn Journalisten von mir wissen wollen, wie eine Mutter darauf kommt, ihr Kind abzugeben. Immer wieder passiert das hier in Haiti!
Philippe Onecio zum Beispiel, alleinerziehende Mutter von sechs Kindern, kam eine Woche nach dem Erdbeben ins SOS-Kinderdorf Santo, um uns ihr jüngstes Kind zu bringen. Wie sie so etwas tun kann? Ich meine, die Frage verlangt eine Antwort, die nicht wertet, schon gar nicht verurteilt. Fast alle Kinder, die derzeit im Kinderdorf Santo leben, kommen aus furchtbar armen Verhältnissen, und oft wissen die Mütter einfach keinen Ausweg. Das SOS-Kinderdorf versucht in einem solchen Fall alles zu tun, um die Kinder und ihre Familien bald wieder zu vereinen.
Gemeinsam mit Rosita, der Sozialarbeiterin, besuche ich Philippe vor den Trümmern ihres Hauses. Die junge Frau verkauft Seife auf dem Markt, was manchmal halbwegs gelingt und manchmal gar nicht. Die ökonomische Situation der Familie ist nach wie vor wackelig, dennoch sagt Philippe: „Ich möchte meine Tochter wieder bei mir haben!“ Rosita fragt nach, hört lange zu, dann besprechen die Frauen, wann Philippe ihre Tochter abholen kann.
Nicht jeder Fall verläuft so unkompliziert. Den nächsten Besuch statten wir einem Vater von zwei Söhnen ab, sechs und acht Jahre alt, die ebenfalls zur Zeit im Kinderdorf leben. Beim Erdbeben sind die Großeltern gestorben und der Vater ist der einzige Hinterbliebene. „Ich liebe meine Söhne, aber wie soll ich denn für sie sorgen? Ich habe keine Arbeit und dies ist der Platz, an dem ich lebe!“ Er weist auf die Plane über seinem Kopf, dem einzigen Schutz, der ihm zur Verfügung steht. Unwillkürlich denke auch ich, dass dies kein Ort ist, an dem ein Kind heranwachsen sollte. Zurück im Kinderdorf, sagen auch die beiden Jungen zu Rosita, dass sie lieber bleiben möchten. Ich kann sie gut verstehen.
Rosita aber bleibt bei ihrer Haltung: „SOS konzentriert sich auf Kinder, denen es noch schlimmer geht: die wirklich niemanden mehr haben. Wenn noch Verwandte da sind, versuchen wir diese in ihrem Alltag zu unterstützen, damit die Kinder wieder bei ihnen leben können. Wir nehmen die Kinder dann nicht langfristig auf!“ Dann seufzt sie und sagt: „Es ist nicht leicht für die beiden Jungen, aber immerhin haben sie ihren Vater, zu dem sie zurückkehren!“
Sie hat ja recht! Oft genug habe ich selbst den Journalisten erklärt, dass Kinder, wenn irgendwie möglich, bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen sollten, und dass es die große Aufgabe der Haitianischen Behörden und der Hilfsorganisationen ist, Wege zu finden, diesen gefährdeten Familien zu helfen. Aber wenn man dann die traurigen Blicke der Kinder sieht, scheint die Entscheidung furchtbar hart!
Am nächsten Tag kommt Philippe, um ihre Tochter zu holen, und nachdem alle Formalitäten erledigt sind, verabschieden wir die beiden. Immerhin: Diese Geschichte scheint so auszugehen, wie es sich alle wünschen. Das kleine Mädchen ist ernst, aber es greift nach der Hand der Mutter, sein Vertrauen hat es nicht verloren.
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