Dirk Niebel unterstützt die Arbeit der SOS-Kinderdörfer in Haiti

Ich habe wirklich keine Ahnung, wie viel Vorarbeit die Kollegen in Deutschland geleistet haben, um diesen Besuch zu verwirklichen, aber was ich sagen kann: Für unsere Arbeit in Haiti war er enorm hilfreich!
Entwicklungsminister Dirk Niebel war da, er hat sich das SOS-Kinderdorf Santo angeschaut und über die Hilfsprojekte informiert, die die SOS-Kinderdörfer nach dem schlimmen Erdbeben gestartet haben. Dann hat er seine Unterstützung zugesagt und zwar sehr konkret: Mit 1,3 Millionen wird die Bundesregierung den Bau einer öffentlichen Schule und einer Krankenstation unterstützen! Für uns eine wirklich tolle Nachricht!
Hier finden Sie ein Video &  mehr Info über den Besuch des Ministers:

Mehr Informationen unter:

http://www.sos-kinderdoerfer.de/Informationen/Aktuelles/News/Pages/Niebel-SOS-Kinderdorf-Haiti.aspx

Die ungleichen Nachbarn

Diamanda aus Haiti überquerte nach dem Erdbeben die Grenze in die Dominikanische Republik

Diamanda aus Haiti überquerte nach dem Erdbeben die Grenze in die Dominikanische Republik

Unglaublich, wie unterschiedlich Haiti und die Dominikanische Republik sind, obwohl sie beide nebeneinander auf der Insel Hispaniola liegen. Auch vor dem Erdbeben hatten sie so gar nichts gemein: In Haiti sprechen die Menschen Französisch und Kreolisch, in der Dominikanischen Republik Spanisch. In Haiti sind die afrikanischen Wurzeln aus der Zeit der Sklaverei allgegenwärtig – zum Beispiel in der Voodoo-Tradition und in den Gesichtszügen der Menschen, während die  Dominikanische Republik deutlich von der spanischen Kolonialzeit geprägt ist. Die Schwesterstaaten unterscheiden sich auch in Bezug auf politische Stabilität, Erziehung und Lebensstandard.

So war die Beziehung der beiden Staaten traditionell durch Abneigung geprägt – bis zum Erdbeben im Januar, als alles, was bis dahin galt, seine Bedeutung verlor. Augenblicklich öffnete die Dominikanische Republik ihre Flughäfen und Grenzübergänge für humanitäre Hilfe. Gleich am Tag nach der Katastrophe schickte die Regierung Transporter mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten sowie mobile Kliniken auf den Weg. In der Grenzstadt Jimaní wurden Erste-Hilfe-Stationen aufgebaut und die dortigen Krankenhäuser trafen alle Vorbereitungen, um möglichst viele Patienten aus Haiti aufnehmen zu können.

Auch die SOS-Kinderdörfer in der Dominikanischen Republik waren vom ersten Tag an im Einsatz, um Autos, Lebensmittel und, wenn nötig, Flüge, zu organisieren. Und um unbegleitete Kinder aus Haiti vorübergehend aufzunehmen! Bei einem Besuch der Dominikanischen Republik habe ich 16 Kinder getroffen, die nach dem Erdbeben vorübergehend ins SOS-Kinderdorf Los Jardines gekommen waren. Alle 16 saßen zusammen auf einem überdachten Platz und lernten Spanisch. Es schien ihnen gut zu gehen, ganz offenbar fühlten sie sich wohl. „Es gibt hier viele Schulen und Spielzeug für alle“, erzählte mir eines der Mädchen. Wir unterhielten uns eine Weile, bis eine Freundin kam und die beiden zusammen zum Spielplatz liefen. Dabei unterhielten sie sich auf Spanisch – ganz offensichtlich ging die Integration schnell!

Kinder aus Haiti im SOS-Spanischkurs: In der Dominikanischen Republik ist Spanisch Amtssprache.

Kinder aus Haiti im SOS-Spanischkurs: In der Dominikanischen Republik ist Spanisch Amtssprache.

Dennoch werden die Kinder möglichst bald wieder nach Haiti kommen, wo ihre Familiensituation genau geprüft wird. Im Idealfall leben noch Verwandte, bei denen die Kinder aufwachsen können. Wenn nicht, dann werden sie dauerhaft ein neues Zuhause in einem SOS-Kinderdorf in Haiti bekommen – in dem Land, in dem sie groß geworden sind, in dem sie ihre Wurzeln haben. Ich finde das ganz wichtig, und es ist einer der Grundsätze der SOS-Kinderdörfer, die Herkunft und die Kultur der Jungen und Mädchen zu respektieren.

Die Dominikanische Republik werden die Kinder später sicher in Erinnerung behalten – als den Nachbarn, der in der schlimmsten Zeit geholfen hat!

Der Blick aus der Ferne

Ich konnte mich einige Tage in Cap Haitien aufhalten, das mehrere hundert Kilometer von Port au Prince entfernt liegt. Dort bemerkte ich etwas, das ich „zu Hause“ in Port au Prince gar nicht mehr sehe. Diese Entdeckung fühlte sich ein bisschen ähnlich an, wie das, was man erlebt, wenn man in den Urlaub fährt: Man betrachtet die Dinge mit etwas mehr Abstand.

Oben im Norden von Haiti, wo Cap Haitien liegt, müssen die Menschen seit dem 12. Januar nicht ständig mit den direkten Auswirkungen des Erdbebens kämpfen. Hier sieht man keine zerstörten Häuser und unzählige Zelte auf jedem noch so kleinen Stück Land. Und man lebt nicht mit dem ständigen Gefühl, viel zu dicht gedrängt auf einer zu kleinen Fläche zu sein. Vor allem aber sind hier viel weniger Kinder und Familien traumatisiert und zerstört.

Das Kinderdorf Cap Haitien hat zwar auch 40 Kinder aufgenommen, aber im Gegensatz zu den knapp 500 Kindern in Santo ist das wenig. Die SOS-Familien im Kinderdorf Cap Haitien konnten die Kinder relativ leicht integrieren, während wir hier in Santo inzwischen viele Kinder in Zelten unterbringen mussten. Es gibt ja in Santo nach wie vor keine stabile Wasser- und Stromversorgung und überall zwischen den Zelten liegen leere Wasserflaschen, über die schon des Gras wächst. Die Anforderungen an die SOS-Mitarbeiter sind einfach seit Monaten enorm und es gibt niemanden, der davon nicht inzwischen dicke Augenränder hätte. Ruhe und Entspannung liegen immer noch in weiter Ferne.

Trotzdem war es auch tröstlich, die Situation mit etwas Abstand zu betrachten.  In Cap Haitien, wo die Menschen nicht ständig mit der Beschaffung des Allernötigsten beschäftigt sind, gibt es Raum für Zukunftspläne und Hoffnung. Die SOS-Mitarbeiter dort sind extrem motiviert und engagiert und die Jugendlichen planen ihre eigenen Geschäftsideen für den Start ins Berufsleben. Es ist gut, sich daran zu erinnern, dass der tägliche Wahnsinn in Santo immer noch die Auswirkung der Katastrophe ist – und nicht die Normalität. Und es ist motivierend, zu wissen, dass nicht alle Kräfte in Haiti mit der Bewältigung des Erdbebens kämpfen. Im fernen Cap Haitien, das eigentlich gar nicht so weit weg ist, arbeiten Menschen an längerfristigen Träumen und Zielen für Haitis Zukunft.

Das Mädchen Marevie

Es sind nun schon zwei Monate vergangen, seit die kleine Marevie von Louis gefunden worden ist. Die regelmäßigen Leser dieses blogs werden sich gut an die Geschichte erinnern: Louis Klamroth, mein Vorgänger, war in einem Sozialzentrum auf das kleine Mädchen aufmerksam geworden. Marevie lebte bei der Freundin ihres Vaters, die das Kind, nachdem der Mann die Familie verlassen hatte, fast verhungern ließ. Die Kleine war völlig unterernährt und apathisch. Louis hatte sie damals kurzerhand ins Krankenhaus gefahren und alles getan, damit es Marevie, die in der Sekunde sein Herz erobert hatte, besser geht.

Zwei Wochen, nachdem das Mädchen ins Krankenhaus gekommen war, sah ich es zum ersten Mal: Dünn und schwach lag Marevie da, aber als sie die SOS-Mitarbeiterin neben mir erkannte, streckte sie sofort ihre Ärmchen aus, ließ sich vertrauensvoll hochnehmen und schmiegte sich an.

Marevie musste noch einige Wochen im Krankenhaus bleiben, sie bekam eine Spezialernährung und wurde wegen ihrer Atemprobleme behandelt. In dieser Zeit besuchten verschiedene Mitarbeiter des SOS-Kinderdorfs Santo sie regelmäßig, schauten nach ihr, nahmen sie in den Arm und kümmerten sich um ihr Wohlergehen. Sie alle fühlten mit dem Mädchen, so dass, als nun die Nachricht herumging, dass Marevie im SOS-Kinderdorf angekommen war, die Rührung und Freude groß war. Jeder hatte darauf gewartet, und nun war die Kleine tatsächlich da und wurde vom ganzen Dorf begrüßt.

Marevie wird weiterhin Medikamente nehmen müssen und es steht ihr auch noch ein weiterer Aufenthalt im Krankenhaus bevor. In der Hafenstadt Les Cayes werden Spezialisten ihre Lungen testen. Wir alle denken nicht gerne daran, denn der Weg wird für Marevie sicher lang und beschwerlich werden. Aber es ist gut, dass sie von unserer SOS-Krankenschwester begleitet wird, die im Laufe der Wochen einen besonders engen Kontakt zu Marevie aufgebaut hat. Und dann wird Marevie hoffentlich bald ganz im Kinderdorf bleiben können.

Strom, bitte!

Die gemeinsame Wasserpumpe im Kinderdorf Santo: Auch hier haben wir leider oft kein Wasser.

Ich bin wieder da! Der Strommangel in Haiti hat in den letzten Tagen auch mein Laptop lahmgelegt, aber nun habe ich zumindest diesen Text hier fertig gekriegt. Mal schauen, wann das Netz wieder zusammenbricht! Auch Wasser und Benzin sind knapp geworden.

Angesichts der dramatischen Armut in Haiti sollte unser aktueller Versorgungsengpass im SOS-Kinderdorf Santo wahrlich kein Grund zur Beschwerde sein. Aber wir müssen sicherstellen, dass mindestens ein Auto genügend Sprit hat, um zum Krankenhaus fahren oder in anderen Notsituationen reagieren zu können. Außerdem haben wir unsere Versprechen zu halten:  90 Sozialstationen müssen täglich mit Lebensmitteln beliefert werden für insgesamt 12000 Kinder. Dazu kommen die Fahrten zum Flughafen und andere Besorgungsfahrten und die regelmäßigen „Cluster meetings“ der Vereinten Nationen, bei denen die Hilfsorganisationen ihre Maßnahmen

abstimmen.

Überflüssig zu sagen, dass wir immer wieder Ausschau nach Tankstellen halten, die noch Benzin gelagert haben, und dass wir notwendige Fahrten, so weit wie möglich, bündeln. Am Montag hat es ein Kollege tatsächlich geschafft, Benzin aufzutreiben, allerdings nur, weil er stundenlang in einer Schlange vor der Zapfsäule gewartet hat. Hätte er das Benzin später von den Straßenverkäufern erstanden, hätte es sein können, dass es mit Wasser gemischt gewesen wäre. Wir haben schon schlechte Erfahrungen gemacht: Ein wichtiger Generator, der mit verdünntem Wasser befüllt worden war, wurde auf diese Weise komplett zerstört – und das, obwohl wir das Benzin in der Dominikanischen Republik gekauft hatten, bei einem Anbieter, der uns empfohlen worden war!

Ein Junge aus dem Kinderdorf beim Wasser holen.

Unglücklicherweise bedeutet ein Mangel an Treibstoff in Haiti aber nicht nur, dass die Autos nicht fahren können. Er bedeutet auch, dass in den Häusern, Kliniken, Schulen, Fabriken und Geschäften die Generatoren nicht laufen und somit kein Licht da ist und die erforderlichen Geräte nicht betrieben werden können. Nach dem Erdbeben haben viele Krankenhäuser in Port-au-Prince mobile Stationen in Zelten aufgebaut. Hier kann der Treibstoffmangel, der die Generatoren lahm legt, verheerende Folgen haben. Absurderweise ist auch ein Großteil des nationalen Stromnetzes von Benzin und Gas abhängig, was den Engpass weiter erhöht.

Im SOS-Kinderdorf ist es nach Sonnenuntergang um halb sieben so dunkel, dass keine Hausarbeiten mehr erledigt oder Bücher gelesen werden können. Rund um die Uhr ist die Büroarbeit eingeschränkt, die Kühlschränke funktionieren nicht und verderbliche Lebensmittel werden schlecht. Die Wasseraufbereitungsanlage fällt die meiste Zeit aus.

Ein Mädchen aus dem Kinderdorf beim Wasser holen.

Angesichts all dieser Schwierigkeiten ist hier jeder froh über die kleinsten heiteren Momente. Wie gestern Mittag, als die Wasserpumpe eine ganze Weile reibungslos funktionierte und einer nach dem anderen sein Wasser holen konnte. Selbst die kleinen Mädchen schafften es mit Leichtigkeit, schwer beladene Eimer und Kannen graziös auf dem Kopf zu balancieren, ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten!

Ein Junge namens “C’est la vie”

Moment mal, ist das wirklich Sonson? Die SOS-Mutter nickt und ich schaue und schaue nochmal und vergesse fast die amerikanischen Journalisten, die ich hierher gebracht habe, weil sie ein Interview mit der Kinderdorf-Mutter führen wollen!

Als ich den kleinen Jungen das letzte Mal gesehen habe, saß er unbeweglich da, mit stumpfem Blick und wenig Interesse an seiner Umwelt, dünn und kraftlos. Jetzt scheint da ein ganz anderer zu sitzen: Sonson, eineinhalb Jahre alt, hat zugenommen, sein Gesicht ist runder. Der Junge schaut spitzbübig zu einem seiner älteren Brüder. Der große Bruder macht Geräusche: „Bbbrrrrr“ und schüttelt dazu den Kopf. Samson macht das gleiche Geräusch und schüttelt nun ebenfalls sein kleines Köpfchen. Die Nasen der Beiden berühren sich fast und ihre vertraute wortlose Kommunikation lässt mich alles andere vergessen.

Sonson wurde in einem der Camps im Zentrum von Port-au-Prince gefunden, nackt und völlig allein. Zehntausende von Menschen leben hier in provisorischen Unterkünften, zu Sonson gehörte keiner von ihnen, niemand wusste seinen Namen und so tauften sie ihn „C’est la vie“ – „So ist das Leben!“

Zwei Schwedische Journalisten wurden auf ihn aufmerksam und informierten die Behörden. Es kam heraus, dass sich eine alte Frau angeblich um den Jungen kümmert. Bei genauerem Hinsehen allerdings war schnell klar, dass es die Frau vor allem auf die zusätzlichen Essensrationen abgesehen hatte. Hin und wieder ging sie mit dem Kleinen zum Krankenhaus. Die Medikamente, die sie bekam, verkaufte sie. Auf Nachfragen eines haitianischen Kinderschutz-Beauftragten erzählte sie, dass sie eine Verwandte des Jungen sei, aber von Mal zu Mal variierte ihre Geschichte. In der Gewissheit, dass der Junge unterernährt und krank ist, dass er sterben würde, wenn er noch lange bei der Frau bleiben würde, brachte der Beamte ihn ins SOS-Kinderdorf Port-au-Prince. Die schwedischen Journalisten waren erleichtert, als sie ihn dort besuchten: sauber gekleidet auf dem Arm einer freundlichen Frau, seiner SOS-Kinderdorf-Mutter.

Ich schaute immer mal wieder bei Sonson vorbei. Er aß seine Spezialnahrung, schlief gut, aber seine Ärmchen waren immer noch furchtbar dünn. Er war zu schwach zum Krabbeln. Oft sah ich ihn auf dem Arm seiner Mutter oder seiner Kinderdorf-Geschwister, mit großen Augen, still und ernst. Es stellte sich heraus, dass Sonson auch noch Malaria gehabt hatte – eine Menge also, von dem er sich erholen musste.

Aber was für einen Unterschied kann ein einziger Monat im Leben eines kleinen Jungen machen! Da war er nun, Sonson, lebendig, Anteil nehmend und glücklich über die Aufmerksamkeit seines älteren Bruders. Mir fielen die schwedischen Journalisten wieder ein – wenn sie den Kleinen jetzt sehen könnten! Ich bin sicher, auch sie wären froh, ihn nicht wiederzuerkennen.

Goudougoudou

Das Erdbeben hat einen Namen: Goudougoudou sagen die Haitianer, und das klingt wie der höllische Lärm zusammenstürzender Häuser. Goudougoudou, das könnte aber auch jemand sein, der hinter dir her ist, ein Yeti, ein trampelndes wildes Biest. Definitiv nimmt das neue Wort dem Erdbeben die klinische Kälte, die brutale Sachlichkeit, die mit den üblichen Erklärungen verbunden sind, in denen eher Begriffe wie „seismisch“ oder „tektonische Platten“ vorkommen.

„Goudougoudou“ sage ich fragend in eine Runde von fünf jungen Leuten, die laut zu lachen beginnen – unklar, ob deshalb, weil ich das Wort kenne oder wegen meiner Aussprache. Aber es tut gut, ihr Lachen zu hören, hier in dieser bettelarmen Gegend, wo die Häuser aus Pappkarton und Stoffresten bestehen und die Kinder barfuß herumlaufen. Camp Obama heißt dieser Platz am nördlichen Stadtrand von Port-au-Prince am Fuße eines Berges. Die SOS-Kinderdörfer sind hier nicht aktiv, aber ich bin nun schon so oft vorbeigefahren und habe mich gefragt, wie es den Menschen hier geht, dass ich an diesem Nachmittag anhalte und mich erkundige.

„Das Leben an diesem Ort ist furchtbar“, sagt die 17jährige Lovely, die es sich zur Aufgabe macht mich herumzuführen. 4000 Menschen sind hier untergebracht, und während in anderen Camps auf Zelten oder Nahrungsmittel-Paketen die Logos verschiedener Hilfsorganisationen auftauchen, scheint hier niemand tätig zu sein. Es gibt keine Schulen, keine Kliniken, keine Plätze für die Kinder. Lediglich eine Reihe von fünf Toiletten hinter einem soliden Sperrholzbau weist auf Unterstützung von außen hin.

Bei alledem ist es erstaunlich, dass das Camp dennoch eine Art Geborgenheit, Sicherheit ausstrahlt. Weiter hinten lassen Kinder ihre Drachen steigen und die Menschen, an denen wir vorbeigehen, grüßen mit einem freundlichen „Bon soir!“

Unwillkürlich muss ich an ein anderes Camp denken, das ich an diesem Nachmittag besucht habe und das eben erst von den Vereinten Nationen und den Haitianischen Behörden aufgebaut wurde. In einer kargen, steinigen Landschaft  stehen dort runde Zelte, aufgebaut in strengen Linien. Es gibt keinerlei Farben und jede Menge Wachpersonal. Steril wirkt das und schroff. Man kann sich kaum einen Platz vorstellen, der weniger kinderfreundlich ist! Ich hoffe, dies wird sich noch ändern, wenn das Camp einmal richtig eingerichtet ist.

Und natürlich verstehe ich Dringlichkeit solcher Aktionen! Inzwischen regnet es fast jeden Abend, auch jetzt, während ich schreibe, tropft es auf mein Dach. Ich denke an die 17jährige Lovely und frage mich, wie sie sich wohl gerade vor dem Regen schützt. Und mir fällt eine weitere Bewohnerin aus Camp Obama ein, im achten Monat schwanger, die in ihrer Baracke kaum genug Platz hat sich auszustrecken – auf dem Boden wohlgemerkt. An ein Bett ist nicht zu denken!

Das falsche Datum

Eigentlich bin ich schon viele Male in diesem Klassenzimmer gewesen, aber erst Ende Februar fiel mir etwas Besonderes darin auf: Der Tag des Erdbebens stand noch immer unverändert an der Tafel – halb verdeckt von einem hohen Stapel Kidneybohnen in Kartons, die inzwischen dort lagerten.

‚Dienstag, 12. Januar’ hatte jemand mit heller Kreide an die Tafel geschrieben. Und rechts oben stand in einer kleinen Tabelle, wie viele Kinder an diesem Tag in der Klasse gewesen waren: 17 Jungen und 24 Mädchen – zwei Jungen hatten gefehlt. „Wie viele von den 43 Kindern werden wohl jemals in diese Schule zurückkehren?“, dachte ich.

Sogar noch wenige Tage vor der Schuleröffnung stapelten sich in den meisten Klassenzimmern Kisten mit Essensspenden und medizinischen Hilfsgütern. Besonders wegen der horrenden Zerstörung sehr vieler Schulen in Haiti hat die Regierung nach dem Erdbeben den Schulbetrieb überall eingestellt. Seitdem haben wir die SOS-Schule als Lagerraum und als Verwaltungsstelle für unser Nothilfeprogramm genutzt.

Am Montag letzter Woche gegen 7 Uhr früh füllte sich dann endlich der Schulhof wieder mit Kindern. Ich war erleichtert: Die Wiedereröffnung der Schule ist ein wichtiger Schritt zurück zu einem erträglichen Leben in Haiti. Der Schulalltag läuft wieder. Das Leben geht weiter, und Kinder und Eltern bekommen damit hoffentlich ein Stück Normalität und Sicherheit zurück.

Nach einer Schweigeminute im Gedenken an die Opfer des Erdbebens hieß der Schuldirektor alle zurückgekehrten und neuen Schüler willkommen. „Bildung ist gleichzeitig eine Pflicht und eine Chance für Euch – nehmt sie an und lernt fleißig“, sagte er. Dann verteilte er die Klassenzimmer: „Die 9. Klasse ist wieder hier drüben und die 6. Klasse dort“, sagte er und zeigte auf den Raum, in dem ich das Datum des Erdbebens an der Tafel gesehen hatte. Ich folgte den Schülern in die Klasse und bemerkte als erstes erleichtert, dass dort nun wieder das aktuelle Datum stand. Dann sah ich rechts oben die Anwesenheitsliste: Alle 43 Kinder waren da! Die Klasse ist wieder vollständig.

Mehr zur Schuleröffnung in Haiti lesen Sie hier

Wie kann eine Mutter ihr Kind abgeben?

Dieser Text ist von Line Wolf Nielsen, die ab sofort das blog übernimmt. Die Autoreninformation folgt in Kürze.

Was würde ich tun, wenn ich diese Mutter wäre? Diese Frage stelle ich mir oft, wenn Journalisten von mir wissen wollen, wie eine Mutter darauf kommt, ihr Kind abzugeben. Immer wieder passiert das hier in Haiti!

Philippe Onecio zum Beispiel, alleinerziehende Mutter von sechs Kindern, kam eine Woche nach dem Erdbeben ins SOS-Kinderdorf Santo, um uns ihr jüngstes Kind zu bringen. Wie sie so etwas tun kann? Ich meine, die Frage verlangt eine Antwort, die nicht wertet, schon gar nicht verurteilt. Fast alle Kinder, die derzeit im Kinderdorf Santo leben, kommen aus furchtbar armen Verhältnissen, und oft wissen die Mütter einfach keinen Ausweg. Das SOS-Kinderdorf versucht in einem solchen Fall alles zu tun, um die Kinder und ihre Familien bald wieder zu vereinen.

Gemeinsam mit Rosita, der Sozialarbeiterin, besuche ich Philippe vor den Trümmern ihres Hauses. Die junge Frau verkauft Seife auf dem Markt, was manchmal halbwegs gelingt und manchmal gar nicht. Die ökonomische Situation der Familie ist nach wie vor wackelig, dennoch sagt Philippe: „Ich möchte meine Tochter wieder bei mir haben!“ Rosita fragt nach, hört lange zu, dann besprechen die Frauen, wann Philippe ihre Tochter abholen kann.

Nicht jeder Fall verläuft so unkompliziert. Den nächsten Besuch statten wir einem Vater von zwei Söhnen ab, sechs und acht Jahre alt, die ebenfalls zur Zeit im Kinderdorf leben. Beim Erdbeben sind die Großeltern gestorben und der Vater ist der einzige Hinterbliebene. „Ich liebe meine Söhne, aber wie soll ich denn für sie sorgen? Ich habe keine Arbeit und dies ist der Platz, an dem ich lebe!“ Er weist auf die Plane über seinem Kopf, dem einzigen Schutz, der ihm zur Verfügung steht. Unwillkürlich denke auch ich, dass dies kein Ort ist, an dem ein Kind heranwachsen sollte. Zurück im Kinderdorf, sagen auch die beiden Jungen zu Rosita, dass sie lieber bleiben möchten. Ich kann sie gut verstehen.

Rosita aber bleibt bei ihrer Haltung: „SOS konzentriert sich auf Kinder, denen es noch schlimmer geht: die wirklich niemanden mehr haben. Wenn noch Verwandte da sind, versuchen wir diese in ihrem Alltag zu unterstützen, damit die Kinder wieder bei ihnen leben können. Wir nehmen die Kinder dann nicht langfristig auf!“ Dann seufzt sie und sagt: „Es ist nicht leicht für die beiden Jungen, aber immerhin haben sie ihren Vater, zu dem sie zurückkehren!“

Sie hat ja recht! Oft genug habe ich selbst den Journalisten erklärt, dass Kinder, wenn irgendwie möglich, bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen sollten, und dass es die große Aufgabe der Haitianischen Behörden und der Hilfsorganisationen ist, Wege zu finden, diesen gefährdeten Familien zu helfen. Aber wenn man dann die traurigen Blicke der Kinder sieht, scheint die Entscheidung furchtbar hart!

Am nächsten Tag kommt Philippe, um ihre Tochter zu holen, und nachdem alle Formalitäten erledigt sind, verabschieden wir die beiden. Immerhin: Diese Geschichte scheint so auszugehen, wie es sich alle wünschen. Das kleine Mädchen ist ernst, aber es greift nach der Hand der Mutter, sein Vertrauen hat es nicht verloren.

Abschied von Haiti

An jeder Ampel, an der man hält, kommen Kinder ans Fenster und wollen etwas zu essen haben. Obwohl man am liebsten jedem einzelnen etwas geben würde, darf man das eigentlich nicht tun, da die Kinder in der Regel in einer Art Waisenheim leben und von den Leitern zum Betteln geschickt werden. Alles, was sie bekommen, müssen die Kinder abgeben!

Meine letzte Amtshandlung vor der Abreise: Ich fordere bei den Vereinten Nationen Begleitschutz für unsere Essensverteilungen an. Letzte Woche ist ein Mob unkontrolliert in unsere Laster gestürmt und hat die Nahrung geklaut. Lange konnten wir auf Begleitschutz verzichten und auch, wenn sich alles in mir dagegen sträubt, werden wir wohl demnächst begleitet vom Militär Nahrung austeilen müssen – oder besser: meine Kollegen werden dies tun, denn für mich ist die Zeit in Haiti vorbei. Meine Nachfolgerin hat ihre Arbeit aufgenommen und ich muss mich verabschieden. Die letzten zwei Monate waren das Schönste, Schrecklichste und Intensivste, was ich in meinem Leben erlebt habe. Ich gebe zu, dass ich völlig am Ende meiner Kräfte bin und jetzt auch weg will. Die Zeit hier in Haiti hat mir alles abverlangt, und ich bin mehr als bereit, morgen abzureisen.
An vielem, was ich hier erlebt habe, werde ich noch lange zu knabbern haben, Haiti hat mich verändert. Ich nehme hier so viel mit an schönen Momenten, dass das Blog förmlich platzen würde, beschriebe ich sie alle. Heute habe ich wieder die kleine Marevie in meine Arme geschlossen, und mir wird schon ganz schlecht, wenn ich daran denke, sie ab morgen nicht mehr zu sehen. Die Ärzte haben mir versichert, sich gut um sie zu kümmern und mich per email über ihr Wohlbefinden zu informieren, und auch Leonie, die SOS-Krankenschwester, verspricht, sich regelmäßig zu melden. Die Kinder aus dem Dorf sind mir unglaublich ans Herz gewachsen, und auch, wenn wir uns immer noch nur mit Händen und Füßen verständigen, so habe ich doch viel von ihnen lernen dürfen.

Schwerer Abschied: In den zwei Monaten sind mir die Kinder ans Herz gewachsen. Wie es ist, sie nicht mehr zu sehen, kann ich mir noch nicht vorstellen!

Schwerer Abschied: In den zwei Monaten sind mir die Kinder ans Herz gewachsen. Wie es ist, sie nicht mehr zu sehen, kann ich mir noch nicht vorstellen!

Auch, wenn ich noch viel Zeit brauchen werde, das Erlebte zu verarbeiten, gehe ich trotzdem mit einem guten Gefühl. Wir haben hier schon unglaublich viel geschafft (auch, wenn es sich oft so anfühlt, als sei es nur ein Tropfen auf den heißen Stein), und das SOS-Team ist auf einem sehr guten Weg, den Boden zu bereiten für die sichere, hoffnungsvolle und gute Zukunft für viele Kinder in Haiti. Ich bin stolz, Teil des SOS-Teams hier in Haiti gewesen zu sein und kann mich nur bedanken bei allen Mitarbeitern von SOS, nicht nur denjenigen hier in Haiti, sondern auf der ganzen Welt, die es möglich machen, den Kindern ihre Kindheit zurück zu geben.